Grenzerfahrungen

Der erste Patz für die beeindruckendste Grenzerfahrung geht natürlich an Turkmenistan. Geradezu legendär ist die Abfertigung in Turkmenbashi, wenn man mit der Fähre aus Baku kommt. Stoff für Geschichten an Lagerfeuern und Diwanen.

Wenn man nach Ankunft im Hafen und einer Stunde drängeln in einer stickigen, kleinen, rammelvollen Kajüte seinen Pass wieder in Händen hält, wäre man eigentlich schon reif für das erste Cafe.

Aber jetzt darf man erstmal die Fähre über eine Rampe verlassen und den Roller im Zollbereich abstellen. Dann reiht man sich ein in eine lange Schlange vor einer Tür, zu der nur jeweils ein Glücklicher alle 5 Minuten Zutritt erhält. Zuallererst wird man zum Bankschalter geschickt um 10 $ Eintrittsgeld zu zahlen. Dafür muß man 2$ Bankgebühr zahlen.

Jetzt steht man in einer geräumigen, modernen Halle mit acht Schaltern. Jeden einzelnen wird man im Lauf der Zeit etwa drei mal aufsuchen. Alle Pass- und Rollerdaten werden in dreifacher Ausfertigung niedergeschrieben, um dann an jeweils anderen Schaltern abgestempelt zu werden. Daraufhin muss man alle Kopien zu ihren jeweiligen Bestimmungsorten bringen. Nicht ohne jedoch zwischendrin öfter mal wieder den Bankschalter aufzusuchen, hinter dem ein aüsserst freundliches und hilfsbereites Mädchen ihrer Aufgabe nachgeht. Am Ende kamen nochmal 110 $ zusammen. Aber eigentlich hatte man ja schon Visagebühren bezahlt.

Jedenfalls war nach zwei Stunden und fünf Bankschalterbesuchen klar, daß ich die Rampengebühr noch nicht bezahlt hatte. Raus aus dem Gebäude, zu einem anderen Bankschalter und versuchen die 10$ Rampengebühr zu bezahlen. Das ging aber nicht, denn die nahmen jetzt nur Manat und keine Dollar. Also zurück zu dem freundlichen Mädchen, Geld wechseln, Gebühr fürs Geldwechseln zahlen und wieder raus zum Rampengebührenschalter. Mit der Bestätigung der Einzahlung zurück an den Anfang. Inzwischen hatte ich ein halbes Kilo Papier in der Hand und mein Pass war 10 mal geprüft.
Die Jungs in ihren Offices schienen sich bestens zu amüsieren und machten noch ein paar Erinnerungsfotos von mir und dem Roller. Während der ganzen Prozedur wollte niemand auch nur einen Blick auf mein Gepäck werfen. Sie waren einfach völlig absorbiert mit dem Ausfüllen ihrer Formulare.
Als ich dann endlich draussen auf dem Parkplatz stand, wurde ich wieder zurückgepfiffen, weil sie noch einen letzten Eintrag in einen gigantischen Folianten vorzunehmen hatten.

Um  mir den Abschied dann nicht allzu leicht zu machen, gabs auf den nächsten 2 Kilometern bis zur Highway nochmals drei gründliche Polizeikontrollen.



Mit meinen Brüdern im Geiste, zwei türkischen Fernfahrern,  vor der geschlossenen Grenze zu Usbekistan.

PS: der Ehrenpokal für die unfähigsten und unfreundlichsten Zöllner geht aber an die Grenzer von Usbekistan an der Grenze nach Osh. Die machten ihrem Polizeistaat wirklich alle Ehre.
Aber genug davon.

Ein Hoch auf Europa ohne Grenzen!

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6 Antworten zu Grenzerfahrungen

  1. kurtchenko Sickert schreibt:

    Wie war das noch? Wir leben still und glücklich, die Wohnung ist famos, doch draußen an der bösen Grenze, da ist die Hölle los? Bon chance, kcho

  2. Barbara und Martin schreibt:

    Lieber Joss, wir staunen! Tolle Geschichten und alle echt und wahr und selbst erlebt… Wie leicht Du so mit den Zuständigkeiten, Deinem Kilo Formularen, den Schildbürgern – verzeihung – Schalterbeamten jongliertst… Also, mein Lieblingswort ist ‚Rampengebührenschalter‘ – Mann!
    Dir und Rosi eine wundervolle Zeit! Liebste Grüße von Barbara und Martin

  3. wogo schreibt:

    Lieber Joss (& Rosmarie schon da?),
    kenn mich gar nicht mehr aus mit Zeitverschiebungen und so weiter und so fort, wann ist welcher Sonntag, soll heissen wann ist Urlaubsanfang. Und wo macht ein Langzeitextremreisender Urlaub? Kirgistan? Auf den Almen bei Kumiss statt Hopf?, oder bei Bergwanderungen an tiefblauen Alpenseen. Schaut wunderbar aus das alles, bisserl wie daheim oder Afghanistan (Bamiyan & Band i Amir). Du wirst Dich auch gut erholen müssen vor Uzbekistan. Das macht ja aus Googlemapdraufsicht einen noch viel abweisenderen Eindruck als seine Grenzsoldaten. Ojeoje das schaut noch viel schlimmer aus als Turkmenistan. Trost wird sein: bald gips Borschtschtschsch.
    Erhol(t) Dich (Euch) Gut
    schön Urlaub
    W

  4. Ali schreibt:

    Hallo Joss, ich freue mich schon wie Bolle auf deinen 17 Bände umfassenden Bestseller, den du danach schreiben musst! Ein Freund, der deinen Blog auch sehr interessiert verfolgt, sagte mir vorgestern, dass es eine wahre Freude ist, deine Sachen zu lesen. Stimme ich zu! Schöne Tage mit Rosi! Gruß,

    Ali

  5. andrea schreibt:

    Joss, mein lieber, ich schaue dir immer wieder über die schulter, wenn du die vielen grenzen überschreitest 😉 famos, das ganze. spannend, interessant, wunderbare bilder. ist ja gut, wenn wenigstens einer von uns abenteuer lebt. fühl dich umarmt von Andrea

  6. Overlandtrip schreibt:

    Da schließ ich mich an, Joss. Ein hoch auf die grenzfreie EU!
    Leider ist das noch nicht bis nach Litauen (seit 7 Jahren EU-Mitglied) vorgedrungen. Da gibt es an der innereuropäischen Grenze immer noch russisch sprechende Polizeikontrollen. Das muss doch nicht sein…

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